Israel.

Ich möchte heute davon erzählen, was Gott in meinem Herzen tut, auf was er mich aufmerksam gemacht hat und welchen Weg ich bereits hinter mir habe…

Ich weiß nicht genau, wann ich angefangen habe mich für das dritte Reich und den Holocaust zu interessieren. Ich weiß nur, dass ich sehr jung war und dass meine Eltern versucht haben, mich von diesem Thema abzubringen, sie wollten mich schützen. Aber es war wie ein Magnet für mich. Ich holte mir heimlich Bücher über das KZ Auschwitz, ich verschlang Biographien von Holocaustüberlebenden. Ich weiß nicht, warum ich als Kind so ein intensives Interesse an diesem dunklen Kapitel der Menschheit hatte, vor allem weil es mich zum Teil auch sehr belastet hat. Ich vermute, dass die Sünden meiner Vorväter, die sie während des dritten Reiches begangen hatten, auf mir lasteten und ich einfach unbewusst einen Weg suchte, das Unvorstellbare zu verstehen; doch dazu später mehr.

Auschwitz
Als ich 13 oder 14 Jahre alt war reiste ich mit einer Gruppe nach Auschwitz. Es war Winter und eisig kalt. Die Hinfahrt im Zug war für mich schon tief bewegend. Ich stellte mir vor, dass die Juden vor ein paar Jahrzehnten den gleichen Weg nehmen mussten und dass sie das gleiche Ruckeln des Zuges auf den Gleisen in den Viehwaggons wahr nahmen.
Wir übernachteten in einer christlichen Gemeinde in der Stadt Oswiecim (Auschwitz) und ich erinnere mich, dass ich mich wie in Watte gepackt fühlte und alles wie durch einen Schleier wahr nahm. Jetzt war ich an dem Ort, über den ich schon soviel gelesen hatte. Das Grauen hängt dort noch in der Luft.
Das Ziel dieser Reise war in Auschwitz Gott um Vergebung für die Sünden unserer Vorfahren zu bitten. Da stand ich also als Teenager in der dicken Winterjacke am Ende der Gleise in Auschwitz-Birkenau. Ich fror trotz der warmen Kleidung und ich kann bis heute nicht verstehen, wie die Gefangenen damals auch nur einen Tag im eisigen polnischen Winter mit nur dieser dünnen Häftlingskleidung überleben konnten. Ich  erinnere mich, dass ich niederkniete und Gott stellvertretend um Vergebung bat. Wir sangen ein hebräisches Lied. Hinter uns die Ruinen der Krematorien. Über uns dunkle Wolken. Alles schien so unwirklich…die leeren Baracken, der pfeifende Wind.
Ein paar Jahre später lernte ich durch die Marienschwestern in Darmstadt eine Auschwitzüberlebende kennen. Marianne Adam hatte nach der Befreiung Jesus, ihren Messias, kennengelernt und als ich sie das erste Mal in Berlin traf, stand eine fröhliche und freundliche Frau vor mir. Keine Spur von Verbitterung, nur ein Hauch von Traurigkeit, von Melancholie umgab sie. Im kleinen Wohnzimmer hing ein großes Ölgemälde an der Wand, das eine wunderschöne, elegante Frau darstellte, Mariannes Mutter. Das Gemälde wollte nicht so recht in diese kleine Berliner Wohnung passen, es sprengte den Rahmen und erzählte von einer farbenfrohen  Geschichte, deren Ende die Nazis brutal bestimmt haben. Mariannes Mutter starb im KZ.
Marianne erzählte mir, dass nachts manchmal die Angst wieder kommt. Dann, so sagte sie, rufe sie den Namen Jesus laut aus und alles Böse müsse weichen. Die Begegnungen mit dieser außerordentlichen, mutigen Frau haben mich zutiefst geprägt.
Lange Zeit war ich einfach nur tief erschüttert über die Geschichte Deutschlands. Ich habe mich fürchterlich geschämt Deutsche zu sein. Ich konnte es nicht fassen, was für großes Unheil die Deutschen über so viele Menschen gebracht haben.
Irgendwann ist inmitten dieser Erschütterung ein Interesse für Israel gewachsen. Ich war sehr jung im Glauben und gerade mal ein angehender Teenager mit ziemlich vielen Macken und vielen nicht so guten Interessen, aber Gott hat meinen Blick auf das Volk Israel gelenkt und ich konnte meinen Blick nicht mehr abwenden. Ich kann es eigentlich nicht erklären, weil ich theologisch gesehen überhaupt keine Reife hatte und um mich herum keiner das Thema Israel aufgriff (außer ganz zaghaft meine Eltern), aber mit einem Mal liebte ich die Juden und das Land Israel. Anfangs war es eine sehr schuldbewusste Zuneigung, ich fühlte mich fast unwürdig Israel wohlgesonnen gegenüber zu stehen. Aber mein Herz für Israel wuchs und wuchs und mit 15 war es mir möglich mit meiner Mutter nach Israel zu reisen.

Ich war im siebten Himmel! Alles war schön und farbenfroh und exotisch und spannend. Ich stand am See Genezareth und stellte mir vor, diesen Ausblick hatte Jesus auch. Wir erlebten eine jüdische Hochzeit und das Wunder von Kanaan stand mir so deutlich wie noch nie vor Augen. Ich wurde im Jordan getauft und weinte Freudentränen. Es war einfach alles nur fantastisch und atemberaubend wunderbar. Ich hatte eine Leidenschaft für mich entdeckt und wurde mit Haut und Haar eine Israelliebhaberin. Ich verteidigte Israel voller Hingabe, sobald auch nur irgendjemand etwas gegen Israel sagte und mit der sog. Ersatztheologie daherkam (diese besagt, dass die Christen den Platz von Israel eingenommen hätten und alle Verheißungen Gottes in der Bibel nun nicht mehr für die Juden, sondern nur für die Christen gelten). Ich nahm an sämtlichen Israelkonferenzen teil und hörte hebräische Lobpreislieder rauf und runter. Ich war Teil einer Band, die hebräische Lieder sang und damit den Juden in meiner Heimatstadt dienen und ihnen eine Freude machen wollte. Wir versuchten auch eine Brücke zu schlagen zwischen Juden und Christen und warben um gegenseitiges Verständnis. Ich sang das Liebeslied an Jerusalem ‚Yerushalayim shel sahav‘ mit Inbrunst und Hingabe und es kam mehr als einmal vor, dass ich vor lauter Ergriffenheit auf der Bühne das Weinen anfing. Ich reiste alleine nach Israel um einer alleinerziehenden Mutter etwas unter die Arme zu greifen. Ich war Feuer und Flamme für Gottes Volk Israel.

Bis sich alles änderte.

Jemand warf mir eines Tages vor, ich wäre fanatisch und würde zu diesen durchgeknallten Israelfreaks gehören. Da ist etwas in mir zerbrochen. So hatte ich mich selbst noch gar nicht gesehen. Ich war einfach nur ehrlich leidenschaftlich und war vollkommen geschockt, dass das auf andere so wirken könnte, als hätte ich den Bezug zur Realität verloren. Ich dachte, es wäre das normalste der Welt als Christ hinter Israel zu stehen und plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen: ich war ein Einzelkämpfer und die allermeisten um mich herum, konnten mit meiner Hingabe überhaupt nichts anfangen. Das machte mir sehr zu schaffen.
Ich hielt noch ein paar Jahre durch, ich war überzeugt davon, dass auf meinem Leben eine Berufung für Israel lag, aber ich holte alles ein Level runter. Bloß nicht mehr so auffallen. Ich wollte meinen Platz finden in der christlichen Welt und meine Liebe zu Israel stand da plötzlich im Weg.
Ganz schleichend verabschiedete ich mich aus der Welt der hingegebenen Israelanhänger. Mit einem Mal fand ich, es ist keinem geholfen, wenn man so ‚überdrüber‘ Israel liebt. Die Juden finden es sehr wahrscheinlich einfach nur komisch und die meisten Christen können damit nichts anfangen. Das Kapitel Israel war für mich mit Anfang 20 mehr oder weniger abgeschlossen. Ich dachte, das war eine Phase, ich hätte meinen Teil getan.
Natürlich lag mir Israel weiterhin am Herzen. Ich konnte mich immer noch leidenschaftlich über die unfaire Berichterstattung in den Medien über Israel aufregen oder bekam feuchte Augen, wenn ich das ein oder andere Lied hörte. Und mein Mann ich und träumten davon einmal gemeinsam nach Israel zu reisen. Aber ich hielt das Ganze weit weg von meinem Herzen.
Umso erstaunter war ich, als ich bei der vergangenen MEHR während des Lobpreises plötzlich eine Israelflagge vor meinem inneren Auge sah. Ich konnte das überhaupt nicht einordnen und dachte, ich hätte mir das sicherlich nur eingebildet. Ein paar Monate passierte mir dasselbe nochmal im Gebetsraum: während des Lobpreises sah ich ganz deutlich die Flagge Israels. Mir kamen die  Tränen und ich fragte Gott, was das bedeuten soll.
Ungefähr zeitgleich fing ich an das Buch von Jobst Bittner ‚Decke des Schweigens‘ zu lesen. Jobst Bittner schreibt darüber, dass für die allermeisten Verbrechen während des zweiten Weltkrieges keine persönliche Buße getan wurde. Die Erbschuld kann bis in die dritte und vierte Generation weitergereicht werden und somit kann selbst ich noch direkt von dem betroffen sein, was meine Urgroßväter evtl. verbrochen haben. Plötzlich fiel mir wieder ein, dass mein Urgroßvater väterlicherseits ein SS Mann war. In dem Buch wird dazu ermutigt die eigene Familiengeschichte zu recherchieren, dass man möglichst detailliert die Sünden vor Gott bringen kann und eventuelle Folgen der Sünde durchbrechen kann. Jobst Bittner erzählt äußerst erstaunliche, ermutigende Zeugnisse von Freisetzung in diesem Bereich.
Das ist das eine ‚Schweigen‘ – dass nicht über den Holocaust und all die Verbrechen geredet wird. Soviel ist noch nicht aufgearbeitet, weil dieses Schweigen in den Familien und in den Kirchen und Gemeinden herrscht.  Aber Jobst Bittner schreibt, es gäbe noch ein anderes Schweigen. Das Schweigen der Christen zu Israel heute. Kein wiedergeborener Christ würde sich als Antisemit bezeichnen (davon gehe ich jetzt mal aus) und sich offen gegen die Juden stellen, ABER was Israel sich in der Siedlungspolitik leistet, das ist schon allerhand. Und den letzten Terroranschlag, ja, das ist schon schlimm, aber letztendlich sind sie doch selber schuld, so wie die die Palästinenser behandeln.
Als letzten Sommer auf Deutschlands Straßen Parolen wie ‚Juden ins Gas‘ gegrölt wurden, gab es keinen Aufschrei von den Christen. Kein gemeinsames Aufstehen gegen diese schrecklichen Vorkommnisse. Heutzutage wird Juden in Deutschland geraten ohne die Kopfbedeckung ‚Kippa‘ außer Haus zu gehen, weil sie das als zu eindeutig als Jude kennzeichnen würde und damit in Gefahr bringen würde. Erst vor kurzem wurde einer Jüdin, die an ihrer Davidssternkette ‚erkannt‘ wurde, ein Sitzplatz in einer Berliner S-Bahn von zwei muslimischen Frauen verweigert. (Quelle: honestly concerned)

Vor ein paar Tagen habe ich mir eine Predigt von Mike Bickle (International House of Prayer, Kansas City) angehört über genau dieses Thema. Und er sagt (sinngemäß): ‚Es ist nicht genug, nicht gegen Israel zu sein. Es gibt für uns keinen neutralen Ort. Wir müssen uns als Christen lautstark und eindeutig an der Seite Israels positionieren.‘
Ich musste mir eingestehen, dass ich über so viele Jahre geschwiegen habe, weil ich dazugehören wollte. Ich wollte ein cooler Christ sein, der nicht aneckt. Darüber musste ich Buße tun, weil Gott mir erstens ganz persönlich einen Auftrag gegeben hat, das Volk Israel zu lieben und weil es zweitens schlicht und ergreifend Teil meines christlichen Glaubens ist, an der Seite der Juden zu stehen. Jesus war ein Jude. Jesus liebt die Juden. Jesus liebt Israel. Und was Jesus liebt, das will ich auch lieben – ohne wenn und aber.
Bedeutet das nun, dass ich alles gut heißen muss, was der Staat Israel macht? Nein, denn hier geht es nicht um weltliche Politik. Hier geht es um Gottes Herzensanliegen, um seinen Heilsplan, dass die Juden den Messias Jesus erkennen und dass wir als Heiden mit den Juden in Jesus eins werden. Der Feind setzt alles daran, dass das nicht zustande kommt, deshalb ist es nicht gerade erstaunlich, dass der Antisemitismus seine Wurzeln im Christentum hat.
Israel wird von der ganzen Welt angefeindet. Der Judenhasss zeigt wieder seine hässliche Fratze. Weltweit wird dazu aufgerufen israelische Produkte zu boykottieren. Kommt uns das bekannt vor? ‚Deutsche, kauft nicht bei Juden‘? (Hier ein Link zu einer Petition gegen die Kennzeichnungspflicht israelischer Waren) Die UN verkündigen eine Resolution nach der anderen gegen Israel, lässt aber Länder wie Nordkorea oder Syrien außer Acht. Israel ist massiv bedroht durch den Terror von Hamas und ISIS und der Iran macht keinen Hehl daraus, dass Israel von der Landkarte getilgt werden muss.
Ich glaube, dass es an der Zeit ist, dass wir als Christen aufwachen und uns darauf besinnen, dass die Bibel, die wir lesen, ein jüdisches Buch ist, dass der Jesus, den wir anbeten, ein jüdischer Messias ist und dass wir die Ewigkeit in einer jüdischen Stadt verbringen werden, Jerusalem.

Mir persönlich ist es schmerzhaft bewusst geworden, dass ich viel zu lange geschwiegen habe.
Teil meiner Identität als Christ, ist meine jüdische Wurzel. Die will ich jetzt wieder neu entdecken und mich auf die Reise machen, den jüdischen Jesus kennen zu lernen. Nicht das blonde, pausbäckige Baby in der bavarian-style Krippe. Sondern den Löwen von Juda. Den König der Juden.

Buchempfehlungen:  Was wird der Morgen bringen, Marianne Adam und Ella Salomon
                                         Die Decke des Schweigens, Jobst Bittner
                                          Israel, der Judenhass und das Schweigen der Welt, Daniel Leon

 Mehrteilige Lehrserie zum Thema Israel von Johannes Hartl: Israel – geliebt, gehasst, erwählt. 

 

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7 Gedanken zu „Israel.

  1. Liebe Inka,
    danke, dass Du uns so ehrlich teil haben lässt an Deinen Gedanken. Ich möchte Dich ermutigen weiter auf Gott zu hören, seine Schafe hören seine Stimme. Oft geht Jesus mit uns ungewöhnliche Wege… Nur weil niemand den weg, muss er nicht falsch sein…
    Liebe Grüße
    Hanne

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  2. DANKE, liebe Inka für deine wertvollen Gedanken und Erfahrungen. Oftmals ist es wirklich ermutigend, wenn man erfahren darf, daß man mit seiner Liebe zu Israel nicht allein steht.
    Shalom, Dein Markus aus En-Gedi hier in Hof.(www.israelladen.de)

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  3. Liebe Inka, von Herzen für deinen wundervollen Beitrag den du mit mir teilst. Er ist sehr wertvoll für mich und ich habe die Stellen genau gelesen, wo Gott mich ansprechen wollte. Gott Segne Dich und berühre dein Herz weiterhin so ermutigend auch für mich :-))) Ganz Herzliche Grüsse Nermin

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